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Seite erstellt: 20.03.2017

Letzte Änderung: 20.03.2017

 

 

 

Die aufregendste und längste Grenzstreife meines Lebens

 

Im Jahr der Grenzöffnung war ich Gruppenführer im Technischen Zug des Bundesgrenzschutzes in Goslar. Als ausgebildeter Streifenführer wurde ich ebenfalls des Öfteren zur Grenzstreife eingesetzt.

 

Als am Samstag, den 11.11.1989 in Eckertal die Grenze geöffnet wurde, befand ich mich in meinem Heimatort Weddingen gegen Mittag auf einem Baugerüst und half einem Freund beim Hausbau. Seine Frau öffnete von innen ein Fenster, und fragte mich: „ Lutz sag mal, was ist eigentlich ein Polizeialarm?“ Nachdem ich es ihr erklärt hatte, bemerkte sie: „Na dann musst du wohl jetzt los, deine Frau hat gerade Bescheid gesagt, der Grenzschutz hat angerufen, es ist Polizeialarm ausgelöst worden.“  Beinahe wäre mir meine Maurerkelle aus der Hand gefallen.

Ich nach Hause, Uniform an und ab nach Goslar zur Abteilung.

Dort empfing mich schon der eingesetzte Offizier vom Dienst und teilte mir mit: „Sie müssen sofort mit einer Streife zur Grenze nach Zorge/Walkenried/Ellrich (DDR). Dort soll heute die Grenze geöffnet werden.“

Also fuhr ich mit einem Kameraden, welcher als Kraftfahrer fungierte, schnellstens zum südlichsten Punkt unseres damaligen Grenzabschnitts.

Und was war dort? NICHTS.

Über Funk hörten wir allerdings, dass sich in Eckertal etwas tat.

Auf mehrmaliges Nachfragen erhielt ich immer nur die Antwort: „Grenze weiter beobachten, warten“.

Und so fuhren wir immer an der Grenze hin und her, 10 km nach rechts 10 km nach links.

 

Irgendwann kam erneut ein Funkspruch: „Sofort wieder zur Straße Zorge/Ellrich! Dort hat jemand eine DDR-Grenzsäule  herausgerissen und gestohlen“. Eine solche Säule in den Farben schwarz, rot, gold mit DDR-Emblem steht ca. 2-5 Meter auf DDR-Gebiet am Grenzverlauf und wiegt etwa sechs Zentner.

Die Meldung über den Diebstahl/die Grenzverletzung kam von der DDR über Marienborn. Die Grenztruppen hatten den Diebstahl beobachtet.

Damals wurde so etwas als internationale Provokation angesehen, mit staatlichen Protesten der DDR-Führung an die Bundesrepublik.

Als wir am vermeintlichen Tatort erschienen, war an besagter Stelle tatsächlich ein großes Loch in der Erde und der sogen. “Papageienpfahl“ fehlte.

Eine gut sichtbare Schleifspur führte gen Westen bis nach Zorge hinein.

Wir folgten dieser und nach ca. 1 km fanden wir auf einem Grundstück einen Traktor mit besagtem Pfahl hinten auf der Ackerschiene.

Der Eigentümer befand sich in einer nahe gelegenen Gaststätte und feierte.

Er war der Meinung, die Grenze fällt sowieso und Grenzpfähle braucht man dann eh nicht mehr.

Wie recht er hatte, zeigte sich später.

Die Lösung des jetzigen Problems bestand darin, dass ich mir den Traktorschlüssel geben ließ und den Grenzpfahl eigenhändig mit dem Traktor zurück brachte und ihn vorsichtig direkt an den Grenzverlauf ablegte.

In meiner Dienstelle atmete man auf, wurde doch ein „innerdeutscher Konflikt“ verhindert.

 

Rücktransport der DDR-Grenzsäule und abgelegt auf DDR-Gebiet. Als würde die Säule die "gefallene DDR" symbolisieren.

 

Kurz darauf kam aber schon der nächste Funkspruch.

„Ab zur Straße Walkenried/Ellrich. Menschenansammlung auf westlicher Seite“.

Dort angekommen, es wurde bereits dunkel, standen da ca. 50 bis 70 Menschen.

Es wurde mir gesagt: „ Drüben in Ellrich ist was los“. Und tatsächlich, Rufe und Sprechchöre drangen zu uns herüber.

Plötzlich erschien eine Streife der DDR-Grenztruppe und entfernte ein Stück aus dem Metallgitterzaun.

 

Da auf unserer Seite ein ca. 10 m langes Holzgeländer stand, meinte ein Mann zu mir, dass dieses nun eigentlich auch weg müsste.

Ich starrte nur auf das Loch im Grenzzaun, konnte es noch gar nicht fassen und raunte ihm zu: „Macht doch einfach“

Ich hatte jedoch nicht mit der Reaktion gerechnet.

Der Mann rief den anderen zu: „Hört mal, der Grenzer hier hat gesagt, unser Zaun muss auch weg, packt mal mit an. Und bevor ich etwas entgegnen konnte, griffen hundert Hände zu und das gesamte Geländer inkl. Pfosten lag auf der Seite.

Und alle riefen in den Osten hinüber: „Kommt rüber, wir warten auf euch“.

So langsam kamen die Rufe aus Richtung Ellrich näher und nach einiger Zeit erschienen die ersten Landsleute am Metallgitterzaun und gingen durch die Öffnung Richtung Westen, erst vereinzelt, vorsichtig, dann in einem nicht endenden Strom.

Die Menschen weinten und lachten zugleich, Ost wie West.

Im Bewusstsein dieses geschichtlichen Moments und der Freude der Menschen kamen auch mir und meinem Kameraden die Tränen.

Mir fiel nicht Besseres ein, als in unser mitgeführtes Megafon zu sprechen und unsere Landsleute aus der DDR herzlich in der Bundesrepublik willkommen zu heißen.

An zwei Dinge kann ich mich noch besonders erinnern.

Zum einen, dass in Walkenried Sirenenalarm ausgelöst wurde, und nach einiger Zeit die freiwillige Feuerwehr mit Beleuchtungsgerät aus Walkenried anrückte um den Ort des Geschehens auszuleuchten.

Und zum anderen, dass im Westen die Kirchenglocken anfingen zu läuten. Ich glaube, sie haben fast eine Stunde lang geläutet.

Ich denke, auch Gott hat dieser Moment besonders gefallen.

Wir haben bis ca. 23.00 Uhr an der Grenze verbracht, dann wurden wir durch eine andere Grenzstreife aus Goslar abgelöst.


 

 

Zwischenzeitlich erfuhren wir natürlich auch, was sich derzeit in Eckertal abspielte.

Obwohl Dienstschluss war und entgegen unseres Streifenauftrags, fuhren wir noch nach Eckertal, um meine eigentliche Einheit, den Technischen Zug des BGS, zu unterstützen.

Dieser hatte damit begonnen, eine Behelfsbrücke über die Ecker zu bauen.

Als wir gegen 00.00 Uhr ankamen, herrschte schon unbegreifliche Feierstimmung. Es war wie im Tollhaus.

Ein besserer Vergleich fällt mir bis heute nicht ein.

 

Ich war gerade aus dem Auto ausgestiegen, als mir mein ehemaliger Englischlehrer der August-Winnig-Schule Vienenburg um den Hals fiel. Er kam aus dem Stapelburger Kulturhaus und trug ein Honeckerbild unter dem Arm.

Überschwänglich, beflügelt wohl auch durch ein wenig Hasseröder Bier, erzählte er mir von den Ereignissen des Tages.

 

Ich habe dann noch bis 02.00 Uhr meinen Kameraden beim Brückenbau geholfen.

Dabei hatten wir auch das erste Mal Kontakt mit den Grenztruppen der DDR. Auch diese waren von einer Pioniereinheit und schufen auf der Ostseite einen begehbaren Fußweg. Nicht mit den Offizieren, sondern mit den einfachen Soldaten sind wir sofort in Kontakt gekommen. Trotz Sprechverbot hatten sie durch den Eindruck der Ereignisse und durch den Schutz der Dunkelheit keine Angst mehr, mit uns zu reden.

Auch waren wir gegenseitig scharf auf Requisiten des anderen Uniformträgers. Schiffchen, Baretts und Schulterstücke wechselten unter der Hand den Besitzer.

Gegen 03.00 Uhr morgens beendete ich nach fast 14 Stunden Dienst meine Grenzstreife.  

 

Ich habe noch viele schöne und aufregende Stunden in der Zeit zwischen Grenzöffnung und Wiedervereinigung an der Grenze erlebt, aber einen solchen Tag nie wieder.

Den 11.11.1989 werde ich immer in Erinnerung behalten. Es war der schönste Tag meiner beruflichen Laufbahn.

Dass ich dabei sein durfte, darauf bin ich stolz. 

 

Lutz Schröder